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Marc Elsberg

© Clemens Lechner

Marc Elsberg

Marc Elsberg wurde 1967 in Wien geboren. Er war Kolumnist der österreichischen Tageszeitung »Der Standard« sowie Strategieberater und Kreativdirektor für Werbung in Wien und Hamburg. Heute lebt und arbeitet er in Wien.

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10 Fragen an Marc Elsberg

1. Wie sind Sie auf die Idee zu diesem Roman gekommen?
Warum haben Sie sich für das Thema Stromausfall entschieden?

Seit Jahren fasziniert mich die zunehmende Vernetzung in unserer globalisierten Welt – also die Tatsache, dass mehr denn je alles mit allem zusammenhängt. Ausschlaggebend war ein faszinierender Artikel über die Produktion einer elektrischen Zahnbürste. Selbst für so ein kleines und vergleichsweise einfaches Gerät stammen die verschiedenen Bestandteile aus mehreren Kontinenten. Wie so vieles heute wird sie mehr oder weniger im Just-in-time-Verfahren montiert und ausgeliefert. Nach der Lektüre fragte ich mich: Was passiert, wenn ein Glied dieser Herstellungskette ausfällt? Oder gleich mehrere? Etwa, weil Schiffe die Teile nicht mehr liefern können. Und was geschieht, wenn mehr als nur eine Zahnbürste betroffen ist? Von dort war es nicht mehr weit zum Thema „kritische Infrastrukturen“. Ich fragte mich, womit Verbrecher oder Terroristen größtmöglichen Schaden anrichten könnten. Sobald man sich mit der Materie auseinandersetzt, bleiben bald nur mehr zwei Bereiche: Kommunikation und vor allem Energie. Von da an ging es darum, das notwendige Hintergrundwissen zu gewinnen und eine möglichst spannende Geschichte zu schreiben.

2. Blackout ist eine Fiktion, die auf Fakten beruht. Wie haben Sie recherchiert?

Bei den Recherchen bediente ich mich mehrerer Quellen: Eine waren Fachleute aus verschiedenen Bereichen, etwa aus der Energie- und IT-Branche oder aus dem Katastrophenschutz. Wichtige Quellen finden sich natürlich in Nachrichten- und Fachmagazinen, in speziellen Studien, auf Unternehmenwebseiten und im Internet im Allgemeinen. Parallel zu meinen Recherchen entstand eine großangelegte Studie im Auftrag des Deutschen Bundestages über die Folgen eines länger anhaltenden, großflächigen Stromausfalls in einem Teil Deutschlands. Mit den Studienkoordinatoren hatte ich auch zu Beginn meiner Arbeit gesprochen. Die Studie kam im Wesentlichen zu denselben Ergebnissen. Einige Details und Erkenntnisse flossen in meinen Text ein.

3. In Ihrem Roman geht es um brisante Themen – Energieversorgung, Gesundheit, Ernährung, Computersicherheit etc. Wie sind Sie an die Informationen rangekommen? Haben die Experten freiwillig Auskunft gegeben?

Sehr viele Informationen findet man, wie gesagt, im Internet. Die Gespräche mit den Fachleuten in den Unternehmen waren eigentlich immer sehr konstruktiv und aufschlussreich. Allerdings wollen die Leute alle nicht genannt werden, was ich verstehe. Auch wenn sie keine Betriebsgeheimnisse verraten, laufen sie natürlich Gefahr, als Nestbeschmutzer zu gelten. Sie geben jemandem Informationen, in dessen Roman die Energiewirtschaft – auf den ersten Blick zumindest – nicht gut wegkommt. Das respektiere ich natürlich, weshalb ich diese Quellen auch nicht nenne.

4. Was hat Sie bei Ihren Recherchen am meisten verwundert bzw. bestürzt?

Trotz meines Interesses für die Materie war mir das Ausmaß der Vernetzung und gegenseitigen Abhängigkeiten nicht bewusst. Unsere moderne Gesellschaft ist komplett abhängig davon, dass all diese Systeme, die im Hintergrund längst völlig automatisiert ablaufen, reibungslos funktionieren. Tun sie das nicht, stürzen wir binnen kürzester Zeit zurück ins Mittelalter. Das finde ich eine beängstigende Vorstellung.

Auch unsere völlige Abhängigkeit von Strom in praktisch allen Lebenslagen war mir in diesem Umfang nicht bewusst. Und, wie ich in vielen Gesprächen mit Freunden herausfand, ist es das auch kaum jemandem anderen. Aber während in unserer Gesellschaft immer lauter nach Energiesparen, Energieeffizienz und Energiewende gerufen wird, elektrifizieren wir gleichzeitig unser Leben weiter. Wir stecken zuhause einen noch größeren Fernseher an, einen elektrischen Milchschäumer, Wasserkocher, Klimageräte, Luftbefeuchter, digitale Wetterstationen usw. Wir müssen Computer, Laptop, iPod, iPad, Mobiltelefone aufladen, brauchen zur Waschmaschine noch einen Wäschetrockner. Ich bin nicht dagegen. Man sollte sich nur bewusst sein, was man tut, die Konsequenzen bedenken und an Lösungen mitarbeiten.

Bestürzt hat mich bei meinen Recherchen die Tatsache, dass europaweit technische Systeme (Smart Meter/ „intelligente Stromzähler“) eingebaut werden (müssen), die nicht die notwendigen Sicherheitsstandards aufweisen – und sich die Industrie dessen bewusst ist. Dass die verantwortlichen Politiker entweder zu ahnungslos, uninteressiert oder zu sehr von anderen Interessen gesteuert sind, um diese Systeme sicherer zu machen. Wobei wir uns da natürlich auch alle selbst an die Nase fassen müssen, schließlich haben wir diese Leute gewählt und tun durch Ignoranz das Unsere dazu.

Erschreckend fand ich auch, wie wenig Gedanken sich Verantwortliche selbst in führenden Positionen über die weitergehenden Auswirkungen ihres Handelns machen, aber auch wie wenig Wissen sie zum Teil darüber überhaupt besitzen. Wahrscheinlich bedingt eines das andere. Kaum jemand sieht das ganze Bild.

5. Haben Sie schon mal die Broschüre des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe „Für den Notfall vorgesorgt“ gelesen? Glauben Sie, dass wir für den Notfall versorgt sind?

Natürlich habe ich sie gelesen und war schockiert, dass ich in keinster Weise auf ein derartiges Ereignis vorbereitet wäre. Wie übrigens vermutlich sehr viele Menschen. Aus meinen Gesprächen mit den Fachleuten weiß ich aber auch, dass manche sehr wohl vorbereitet sind. Das geht bis zu privaten Schutzräumen, Waffen- und Munitionsvorräten.

6. Hat dieser Roman Ihre Lebensweise geändert? Haben Sie mehr Vorräte im Haus und ein Notstromaggregat gekauft? Wären Sie auf einen Blackout vorbereitet?

Jein. Ich habe ein paar Vorräte mehr im Haus. Ich habe mir vor allem Gedanken gemacht, ob diese Vorräte genügen und wohin ich mich im Ernstfall wenden könnte. Höchstwahrscheinlich würde ich nicht zuhause bleiben, sondern woanders hinfahren (wohin, das verrate ich nicht). Der Autotank ist im Allgemeinen voll. Ein Notstromaggregat habe ich nicht, weil ich in einer Wohnung wohne. Da kann man so ein Gerät nicht so einfach installieren. Aber das ist selbstverständlich alles sehr theoretisch. Wer schon einmal in einer akuten Notsituation war, weiß, dass er dann oft anders handelt, als er es sich vorher vorgestellt hatte.

7. Welche Szene war für Sie am schwierigsten zu schreiben? Welche hat Sie am meisten Nerven gekostet?

Am Schwierigsten zu schreiben ... hm, zum einen der Anfang. Der muss einfach passen, damit man weiterlesen möchte. Ab der Hälfte des Buches wurde es zunehmend schwieriger, weil es für einen so langen Stromausfall kaum Szenarien, Annahmen und Modelle gibt. Außerdem geraten die Figuren dann in immer tiefere Schwierigkeiten, aus denen man sie als Autor immer schwerer herausholen kann. Manche Szenen berühren einen natürlich besonders, vor allem wenn es ans Sterben geht. Es gab Phasen während des Schreibens, in denen ich mir schwor, in Zukunft nur mehr Liebesromane zu verfassen.

8. Was machen Sie, wenn Sie nicht schreiben?

Ich lese sehr viel, verbringe Zeit mit meiner Frau und Freunden, liebe gutes Essen und trinke gern ein Glas Wein, gehe ins Theater und zu Konzerten, treibe Sport. Außerdem bin ich in einer Kommunikationsagentur mit Büros in Hamburg und Wien für Strategie, Konzept und Text verantwortlich.

9. Wie, glauben Sie, werden die Leser auf Blackout reagieren?

Im besten Fall haben sie spannende Stunden mit dem Buch verbracht, etwas gelernt, ein paar Denkanstöße bekommen und empfehlen es deshalb weiter.

10. Was war Ihre Absicht beim Schreiben dieses Romans? Ging es darum, ein spannendes Katastrophenszenario zu schildern oder wollten Sie Ihre Leser auf etwas Bestimmtes aufmerksam machen?

Zu allererst wollte ich ein spannendes Buch schreiben. Darin sollten die Leserinnen und Leser etwas über das wichtige und aktuelle Thema Energie erfahren. Ich bin überzeugt davon, dass die Menschen gern lernen, wenn sie dadurch unterhalten und bewegt werden.